Als Nacktheit bezeichnet man die Kleidungslosigkeit von Menschen und die Haar- oder Federlosigkeit von Tieren. Psychologisch bezeichnet man beim Menschen auch die mit der Nacktheit verbundene subjektive Empfindung selbst als Nacktheit oder Blöße im Sinne von schutzlos. Dies kann neben dem Fehlen von Kleidung auch aus dem Fehlen von Haaren oder gewohnheitsmäßig am Körper getragenen Gegenständen wie Schmuckstücken, Perücken oder Schminke resultieren.
Die Empfindung kann je nach Erziehung bzw. nach den Umständen unangenehm (Scham) oder angenehm sein (Gefühl der Freiheit oder Befreiung und positive Akzeptanz des eigenen Körpers, ohne ihn als schambehaftet anzusehen).
Öffentliche Nacktheit ist meist rechtlich oder gesellschaftlich reglementiert, findet sich jedoch heute in vielen Ländern an Stränden und
Badeseen, in Parks, bei speziellen Events o. ä.
1. Terminologie
Nackt bedeutet zunächst das vollständige Fehlen von Kleidung, Schmuck und Gegenständen am menschlichen Körper. Es kann sich aber auch nur auf das Fehlen der Kleidung beziehen. Nacktheit bezeichnet – davon ausgehend – ein sehr weites Spektrum an Emotionen und Befindlichkeiten und der Sichtbarkeit von Bereichen des Körpers, die üblicherweise aus normativen, hygienischen oder klimatischen o. ä. Ursachen, von Kleidung bedeckt sind. Nacktheit wird also sowohl definiert durch die Abwesenheit als auch die Anwesenheit von Kleidung, Schmuck und Gegenständen. Man kann demnach zunächst zwischen vollständiger Nacktheit (splitter(faser)nackt) und teilweiser Nacktheit (halbnackt) unterscheiden. „Nacktheit“ kann einen nackten Fuß meinen, dessen Sichtbarkeit keinen kulturellen Tabus unterliegt, oder das Entblößen des nackten Hinterns (blank ziehen) in der Öffentlichkeit. Auch ein Kiltträger kann, wenn er auf Unterwäsche verzichtet, trotz oberflächlicher Bekleidung, als unter dem Schottenrock nackt bezeichnet werden.
Nackterholung bei Herzsprung 1983 im Kreis Angermünde
Nacktheit hat neben dem reinen Fehlen üblicher Bekleidung auch semiologische und psychologische Dimensionen. Psychologisch bedeutet Nacktheit zum einen die Empfindung von Schutzlosigkeit durch das Fehlen schützender wärmender Kleidung, zum anderen die Realisierung von diesbezüglicher Freiheit.[2] Das Fehlen zum Beispiel einer Waffe, eines Fingerrings, eines Hutes, oder eines kulturell vorgeprägten Statussymbols, können das Gefühl fehlenden Schutzes und damit von bloßgestellt sein auslösen. Semiologisch meint, dass die Sichtbarkeit von Körperteilen, die üblicherweise von Kleidung bedeckt sind, abhängig von Situation und Ort eine kulturelle Bedeutung haben, also wie ein sprachliches Zeichen funktionieren. Es ist dazu nicht notwendig, dass die Bedeutung der Zeichen bewusst reflektiert wird. Beispiele dafür sind der nackte Protest, der nach Aufmerksamkeit sucht und in der Überwindung der Tabus auf die Wichtigkeit des Anliegens weist; der Flitzer beim Fußballmatch, der Mut und Männlichkeit demonstriert; die Frauen, die in frühislamischer Zeit neben dem Schlachtfeld stehen und ihre Brüste zeigen, um ihren Männern zu erklären, dass sie so nackt und ausgeliefert wie die Sklavinnen sein werden, wenn sie verlören; das Zeigen von Hintern oder Genital beim Anasyrma; der Exhibitionist, der andere Menschen mit seiner Nacktheit verletzen möchte. Der Verzicht auf ein Kopftuch als politisches Statement, das tiefe Dekolleté, ein freier Bauch oder ein Minirock kann als sexuelle Provokation, aber auch als „ich bin so frei“ gemeint sein. Auch die Freikörperkultur und die Naturismus-Bewegung können als (organisierte) Befreiung von äußeren Zwängen verstanden werden. Die Bedeutung der Zeichen ist künstlich, unterscheidet sich also von Kultur zu Kultur und unterliegt zudem einer zeitlichen Entwicklung (Kulturepochenbindung). So würde ein Nacktportrait eines italienischen Präsidenten anders interpretiert werden müssen als das Nacktportrait eines römischen Kaisers.
2. Etymologie
Das Wort „nackt“ gehört der ältesten Schicht des deutschen Wortschatzes an. Es lässt sich bis in die Zeit des Proto-Indogermanischen zurückverfolgen und ist damit mindestens rund 5500 Jahre alt. In den meisten indoeuropäischen Sprachen gehört das Wort für „nackt“ ebenfalls dieser ältesten Schicht an. Allerdings hat sich dieses Wort in vielen Sprachen nicht ganz lautgesetzlich entwickelt, offenbar wurde es tabuistisch entstellt. Solche verniedlichenden oder verdeckenden Wortvarianten lassen sich in vielen Sprachen, darunter im Deutschen, bis in die neueste Zeit verfolgen, beispielsweise durch die umgangssprachlichen Formen „nackig“ oder „nackend“ für „nackt“.
In Anlehnung an die Nacktheit Adams und Evas im biblischen Paradies, werden umgangssprachlich insbesondere nackte Männer als „mit Adamskostüm bekleidet“ bezeichnet. Die weibliche Form „im Evakostüm“ wird ebenfalls verwendet, allerdings seltener.
3. Evolutionsgeschichte
Haare sollen sich bei den Säugetieren vor etwa 220 Millionen Jahren entwickelt haben. Die nächsten genetischen Verwandten des Menschen, die Menschenaffen und im Speziellen der Schimpanse, besitzen ein Fell. Der Mensch ist heute als einziger Primat von Natur aus nackt, das heißt großflächig wenig behaart. Verlässliche Aussagen zur Entwicklung der Nacktheit und des Zeitablaufes sind bisher nicht möglich, weil Haare keine Fossilien bilden. Forscher der Universität Utah ermittelten 2004 einen Rezeptor im menschlichen Körper, welcher ein Protein produziert, das sich auf Haut wie Haare auswirkt. Sie vermuten, dass das Protein die Haut vor Sonneneinstrahlung schützt, was mit dem Verlust der Haare notwendig geworden sein konnte. Das geschah vor spätestens 1,2 Millionen Jahren.[5]
Verschiedene Theorien versuchen die evolutionäre Entwicklung der Haarlosigkeit beim Menschen zu erklären. Eine wesentliche Funktion dichter Behaarung liegt im Erhalt der Körperwärme (Thermoregulation). Daher wurde lange vermutet, dass der frühe Mensch bei höheren Temperaturen Beutetiere über längere Strecken verfolgte und seinen Körper stärker kühlte, um einen Hitzschlag zu vermeiden. Diese Theorie ist Teil der widerlegten Savannen-Hypothese, da sich wenigstens der aufrechte Gang vorher entwickelt haben muss. Die Wasseraffen-Theorie dagegen konnte trotz einiger Skepsis unter Experten bisher auch nicht widerlegt werden. Danach hat der Mensch eine Zeit lang am Wasser gelebt (aquatische Phase), in der sich jene Eigenschaften entwickelt haben könnten, die untypisch für Lebewesen sind, welche vorwiegend an Land leben, und die den Menschen von anderen Primaten unterscheiden: ein Unterhautfettgewebe, die Rudimente von Schwimmhäuten, der aufrechte Gang und überhaupt die Lagerung der Extremitäten, die optimal an die Bewegung im Wasser angepasst scheinen. Wissenschaftler führen an, dass üblicherweise mehrere Phänomene nicht mit einer einzigen Theorie erklärbar sind.
Die Beherrschung des Feuers mag daneben ein Faktor gewesen sein, vor allem in der Nacht die Wärme der fehlenden Haare zu kompensieren. Wann die Gattung Homo Wildfeuer zähmen und Feuer beherrschen lernte, ist kaum nachweisbar. Die früheste, relativ sichere Feuerstelle liegt im Norden Israels in Gesher Benot Ya’aqov (GBY). Sie ist etwa 790.000 Jahre alt und könnte von Hominiden der Art Homo erectus oder Homo ergaster stammen. Generell nimmt man an, dass Homo erectus die erste Art der Gattung Homo war, die das Feuer beherrschte. Er zählt daneben auch zu den ersten, die aufrecht gehen konnten (habituelle Bipedie) und die Jagd als wesentliches Element der Nahrungsversorgung nutzen konnten. Alle drei Faktoren können den Verlust der Haare mit bedingt haben oder Teil des gleichen Entwicklungsprozesses gewesen sein. Eine weitere Erklärung für den Verlust des Fells wäre die geringere Anfälligkeit für Parasiten durch fehlende Körperbehaarung.[8] Schimpansen zum Beispiel verbringen etwa einen halben Tag nur mit der Fellpflege.[9] Hätte der jagende Homo erectus diese Zeit aufbringen können? Oder hat ihm dieser Umstand einen evolutionären Vorteil verschafft, den er sich mit Feuer und Kleidung zu sichern lernte?
Auch die Entwicklung von Kleidung ist als thermoregulierender Faktor zu verstehen, der aber wohl nicht in direktem Zusammenhang mit dem Verlust des Fells steht. Der Biologe David Reed meint, dass der Mensch erst vor etwa 170.000 Jahren damit begonnen haben muss, Kleidung zu tragen. Die Kleiderlaus ist nämlich eine Fortentwicklung der menschlichen Kopflaus. Diese Entwicklung geschah zu diesem Zeitpunkt. Die Ursache dafür könnte die Kaltzeit vor 180.000 Jahren gewesen sein. Die Entwicklung von Kleidung in diesem Zeitraum könnte dazu beigetragen haben, dass der Mensch sich dann vor 100.000 Jahren auch im Norden ausbreitete.
4. Soziologische Auseinandersetzung mit der Nacktheit
Viele bestehende Theorien und Konzepte können bei der Untersuchung von Nacktheit nützlich sein, und zwar für das Verständnis der damit verbundenen Gefühle und Verhaltensweisen.
In Norbert Elias’ berühmtester Arbeit, Über den Prozeß der Zivilisation (2012a[1939]), hat er Theorien vorgebracht über die Veränderung von Verhaltens- und Gefühlsstandards in westlichen Gesellschaften. Er entwickelte seine Theorie auf der Grundlage von Änderungen in den Verhaltensweisen, die er in zahlreichen Büchern der Anstandsliteratur beobachtete – und in geringerem Maße auch in anderen Literatur- und Werkverzeichnissen der Kunst – bis ins Mittelalter zurückreichend. Elias erkannte Verhaltensänderungen über die Zeitachse mehrerer Jahrhunderte, Änderungen in den Standards von dem, was er als „äußere körperliche Anständigkeit“ bezeichnet, einschließlich derjenigen, die sich auf Manieren im Schlafzimmer, am Tisch und Themen wie Stuhlgang, Wasserlassen, Spucken oder Naseputzen beziehen. Elias’ Theorie des Zivilisationsprozesses umfasst die Geschichte der menschlichen Emotionen, insbesondere die der Scham und Verlegenheit. Er verwandelte die alltäglichsten und banalsten Elemente des menschlichen Alltags, die häufig von Soziologen und Historikern entweder abgelehnt oder als selbstverständlich angesehen werden, in eine universellere Theorie der „Vernetzung“ hinter der Funktionsweise von Gesellschaften. Im Mittelpunkt Elias’ Theoriebildung standen Fragen des „äußeren körperlichen Anstands“. Er entschied sich, sie zu studieren, weil es Dinge waren, die von allen Menschen zu jeder Zeit und an jedem Ort behandelt werden mussten, und jede bekannte Gesellschaft hat Regeln und Tabus für sie.[11]
Elias’ Bericht über Verhaltensänderungen beim An- und Ausziehen im Schlafzimmer und in der Praxis des Badens zeigt deutlich den historischen Prozess der wachsenden Distanz zwischen einem Individuum und seinem Körper, von dem allgemein und selbstverständlich angenommen wird, dass es eine Frage des gesunden Menschenverstandes ist, seinen Körper zu bedecken und nicht nackt vor fremden Menschen zu erscheinen. Er stellt sich gegen die Annahme, dass die Scham und Abneigung, die mit nackten Körpern einhergeht, eine „natürliche“ Reaktion ist und dass nur „Wilde“ dazu neigen, ihr gegenüber gleichgültig zu sein. Die zentrale Frage bei Elias bezüglich der Nacktheit lautete: wie sind wir zu der Überzeugung gekommen, die die Nacktheit „unnatürlich“ und die damit verbundenen Gefühle von Verlegenheit und Scham „natürlich“ und „normal“ machte?
5. Kulturgeschichte
m alten Athen war die (halb-)öffentliche Nacktheit den Männern vorbehalten und galt nur bei Frauen als anstößig. Die Kyniker lehrten die Bedürfnislosigkeit bei gleichzeitiger Ablehnung materieller Güter. Vorurteile sowie Scham wurden zugunsten der als natürlich empfundenen Gegebenheiten wie Nacktheit verworfen. Das Gymnasion als Ort der körperlichen Ertüchtigung belegt allein durch seinen Namen (gymnós = nackt), dass Nacktheit im alten Griechenland nicht alltäglich war, sondern auf besonders ausgewiesene soziale Räume beschränkt war, ebenso wie die griechische Kunst.
Einen besonderen Stellenwert hatte die Nacktheit im antiken Griechenland im Sport. Man war überzeugt, dass die Gymnastik die Ausbildung des Körpers zum einzigen Zweck habe, hinzu kamen Wettkämpfe an den Festen der Götter zu deren Ehre. Hier galt es zu zeigen, wie weit man es in allen Künsten, die sich für einen freien Mann schickten, gebracht habe. Schon im Jahre 720 v. Chr. wurde bei den Olympischen Spielen der Lendenschurz, mit dem die Kämpfer vermutlich bis dahin bekleidet waren, bei allen Disziplinen außer dem Pferderennen abgeschafft (siehe Pythische und Isthmische Spiele).
Der Grund für die Nacktheit im Stadion ist nicht gesichert. Eine Theorie besagt, einer der Läufer habe während des Laufes den Schurz verloren und gesiegt. Das ließ die Athleten glauben, ohne Kleidung schneller sein zu können. Eine andere Vermutung besagt, ein Läufer soll den Lendenschurz verloren haben und über ihn gestolpert sein. Zur Sicherheit sei daraufhin Nacktheit angeordnet worden. Als dritte Möglichkeit wird eine Forderung aus Sparta angenommen. Die Athleten des Stadtstaates trieben als erste nackt Sport und könnten ihren Brauch bei den Olympischen Spielen durchgesetzt haben. In Sparta als einzigem der griechischen Staaten trieben auch die Mädchen Sport, nicht zusammen mit den Männern, aber ebenfalls nackt.
Römer
Standbild des gräkophilen Kaisers Antoninus Pius in griechisch-heroischer Pose, die ein korinthischer Helm — damals bereits seit Jahrhunderten eine Antiquität — unterstreicht
Römerinnen im "Bikini" bei sportlichen Wettkämpfen
Mosaik: Sizilien ca. 300-320
Nach der Eroberung Griechenlands im Jahr 146 v. Chr. sahen die Römer keinen Anlass, die Nacktheit bei den Olympischen Spielen zu verbieten. Jedoch widersprach das Entblößen des Körpers den alten römischen Sitten, wie Plutarch berichtete. Und der Schriftsteller Quintus Ennius schrieb mit Blick auf die Hellenen, dass es der Schande Anbeginn sei, sich nackt in der Öffentlichkeit zu zeigen.[12] Die römische Kritik am nackten Auftreten der griechischen Wettkämpfer äußerte sich auch darin, dass die Römer mit einer Sportkleidung antraten. Cicero sah in der Nacktheit der Hellenen – insbesondere in Verbindung mit der dort gepflegten Knabenliebe – einen Verstoß gegen die höchsten Tugenden.[13] In seinem ersten Buch der Schrift De officiis legt er zudem dar, dass die römische Lebensart das Nacktbaden zwischen Vater und Sohn sowie Schwiegervater und Sohn verbot. Im Rahmen der von den Vätern angestoßenen, vormilitärischen Erziehung der Söhne war das Nacktschwimmen im Tiber sowie das nackte Training in den Sportstätten durchaus üblich. Der Besuch der öffentlichen Thermen fand geschlechtergetrennt statt, wobei die Männer wiederum nackt badeten, während die Frauen einen Bikini trugen, wie dieser auf einem Mosaik in der spätantiken Villa Romana del Casale auf Sizilien dargestellt wird.[13] Da es offensichtlich auch für Männer eine Badekleidung gegeben hat, war das Nacktbaden jedoch nicht zwingend.
Der sich bereits in der römischen Gesellschaft zeigenden Pluralität der Auffassungen, die sich auch über Normen und Werte lustig machen konnte und die Doppelmoral zur Schau stellte, versuchten einige Kaiser mit Sittengesetzen entgegenzutreten. Wurden auf der einen Seite etliche griechische Sitten als anstößig betrachtet, bewunderten bildungsbewusste Römer auf der anderen Seite Philosophie und Wissen aus Griechenland. Das Aufstellen vollständig nackter Plastiken blieb jedoch in der Frühzeit des Prinzipats sehr selten.[14] Erst im 2. Jahrhundert gewannen überlieferte griechisch-künstlerische Konventionen in der römischen nichtsakralen Vollplastik zeitweilig an Bedeutung. Dies zeigt beispielhaft eine überlebensgroße Bronzeplastik des Kaisers Septimius Severus (regierte 193 bis 211 n. Chr.), die heute im Zypern-Museum in Nikosia ausgestellt ist. So ließen sich in dieser Zeit bestimmte graecophile Kaiser[15] wie Antoninus Pius (regierte 138 bis 161 n. Chr.) und reiche Privatpersonen in heroischer Nacktheit abbilden. Auch der von weiblichen und männlichen Darstellungen bekannte halbnackte Bildtypus auf Münzbildern, der eine bedeckte Scham zeigte, fand wie gänzlich nackte Darstellungen zu bestimmten Zeiten und Anlässen auf den Rückseiten römischer Münzen von der Blütezeit der Republik bis ins 3. Jahrhundert n. Chr. Verwendung. Insbesondere Götter und Halbgötter konnten so dargestellt sein. Auf einem Denar des Septimius Severus zeigt der Revers den Halbgott Hercules mit Phallus. Nacktheit wurde damit während bestimmter Abschnitte römischer Geschichte ein zulässiges Element offizieller Staatskunst.
6. Freikörperkultur
Der ab dem späten 19. Jahrhundert aufgekommenen
Freikörperkultur (FKK) ging es um weit mehr als um die Wiedereinführung des Nacktbadens. Die FKK (anfangs wurde es auch „Nacktkultur“ genannt, die Idee vom „Naturismus“ kam erst später auf) strebte vielmehr als Teil der so genannten Lebensreform den Ausbruch aus naturfernen und teilweise ungesunden städtischen Lebensbedingungen an, die durch die Industrialisierung entstanden waren. Man traf sich in der Natur und war gemeinsam nackt. Zu ihren regionalen Ausgangspunkten gehörten das Ruhrgebiet (der erste FKK-Verein entstand 1898 in Essen) und Berlin. Es wurden Vereine und Bäder gegründet, in denen man – idealerweise ohne soziale Unterschiede – zusammen war, sich duzte und versuchte, sich gesund zu ernähren. Zum organisierten FKK- und Naturismus-Leben gehörte in der Regel bis in die 1970er Jahre das rigide Tabak-, Alkohol- und Schmuckverbot. Erektionsverbote gelten unverändert. Angestrebt wurde nicht der Genuss und nur teilweise die Entspannung, sondern vor allem mehr Gesundheit. Oft wurde dabei die Nacktheit ideologisch überhöht, etwa im Sinne utopischer gesellschaftlicher Befreiungshoffnungen. Die Disziplin vieler {{FKK-Vereine]] war ausgesprochen streng. Teile der deutschen FKK-Bewegung hatten unter dem Motto „nackt und deutsch“ sogar politische Ausrichtung nach rechts.[30] Der Berliner Verein stand u. a. unter der Schirmherrschaft des Generalstabschefs Helmuth Johannes Ludwig von Moltke, der mit der öffentlichen Nacktheit Zuchtwahl-Aspekte verbinden wollte, da so die Wahrscheinlichkeit von Eheschließungen mit an Syphilis Erkrankten zurückginge. Ein weiterer Aspekt hierbei war der latente Antisemitismus, da die Beschneidung nackt entsprechend auffalle.
Andere FKK-Vereine, zumal die im Arbeitermilieu entstandenen, tendierten hingegen nach links. Hier spielte das Gleichheitsideal eine Rolle, weil Nacktheit soziale Unterschiede aufhebe.
Unabhängig von den Grundsätzen der Freikörperkultur galt die Nacktheit 1960er Jahren in Teilen der 68er-Bewegung als Symbol für die Befreiung von Fesseln der Konvention und etablierte sich so als Form des Protestes. Wogegen dabei im Einzelnen protestiert wurde, ist aus heutiger Sicht oft nicht mehr ganz eindeutig. Es gab weiterhin offizielle Nackt-Badestrände an der Nordsee, neue entstanden an der Ostsee. Im Westen nun kam die Ideologisierung jedenfalls eindeutig von links, zumal die Nacktheit oft mit einem ausgesprochenen Hedonismus und sexuellem Libertinismus verbunden wurde (Hippie-Bewegung, Woodstock). In der DDR war die Nacktheit weit mehr verbreitet als im Westen.